Wie dieses Gespräch entstanden ist
Autoren im Gespräch: Manche Gespräche entstehen nicht aus geplanten Interviews, sondern aus Resonanz.
Aus dem Moment, in dem jemand in einem Text etwas wiedererkennt, das ihn selbst berührt. So war es auch hier.
Tom Horn hatte einige unserer Artikel über Fantasy, Eskapismus, Kausalität und Substanz gelesen. Texte, die nicht nur über Geschichten sprechen, sondern darüber, warum Menschen sie brauchen. Daraufhin meldete er sich – nicht mit einer Bitte um Werbung, sondern mit Gedanken, Fragen und Beobachtungen aus seinem eigenen Schreiben.
Aus diesem Austausch entwickelte sich ein Gespräch über Dinge, die in der Fantasy-Szene erstaunlich selten offen benannt werden:
über die Unsicherheit, Subgenres richtig zu benennen, über Spiritualität als Quelle innerer Orientierung, über Gut und Böse, Angst und Hoffnung – und darüber, warum Fantasy für viele Autoren mehr ist als bloße Unterhaltung.
Was folgte, war kein Interview im klassischen Sinn, sondern ein Dialog zweier Perspektiven: einer systemisch-analytischen und einer emotional-intuitiven. Genau in dieser Spannung liegt die Kraft dieses Gesprächs.

Warum Fantasy? Später Einstieg, tiefere Motivation
Für Tom Horn begann die Liebe zur Fantasy nicht in der Jugend, sondern erst viel später. „Erst im fortgeschrittenen Alter hat mich Fantasy wirklich gepackt“, sagt er. Vielleicht ist es genau das, was seinen Zugang so besonders macht: keine nostalgische Flucht, sondern ein bewusstes Eintauchen.
Autoren wie J. R. R. Tolkien und Tad Williams, insbesondere Der Drachenbeinthron, wurden für ihn zu Toren in andere Welten. Nicht, weil sie die Realität verleugnen, sondern weil sie sie in verdichteter, symbolischer Form spiegeln. Fantasy erlaubt, sich von der Enge des Alltags zu lösen, ohne den Kontakt zur inneren Wahrheit zu verlieren.
Weltflucht ist für Tom nichts Negatives. Sie ist eine seelische Bewegung – ein Schritt zur Seite, um Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. In diesem Sinn ist Fantasy kein Entkommen vor der Wirklichkeit, sondern ein anderer Zugang zu ihr. Geschichten werden zu Räumen, in denen sich Emotionen, Ängste und Hoffnungen ordnen lassen. Nicht analytisch, sondern intuitiv.
Gerade darin liegt ihre Stärke: Fantasy schafft einen sicheren Ort, um sich selbst zu begegnen.
Schreiben aus Atmosphäre statt aus System – Autoren im Gespräch
Dieser intuitive Zugang prägt auch Toms Schreiben. Seine Welten entstehen nicht aus Modellen oder Regeln, sondern aus Stimmung, Bildern und inneren Bewegungen. Atmosphäre, Gefühl und die Entwicklung seiner Figuren stehen im Vordergrund – nicht die Frage, ob jedes Ereignis logisch herleitbar ist.
„Ich habe mir über Kausalität in meinen Welten bisher kaum Gedanken gemacht“, sagt er offen. Für ihn war Schreiben lange ein emotionaler Prozess: Szenen entstehen aus Impulsen, Dialoge aus innerem Erleben, Konflikte aus dem, was sich richtig anfühlt.
Gerade deshalb war unser Austausch für ihn spannend. Die Idee, dass Handlungen in einer Welt nicht nur geschehen, sondern Konsequenzen haben müssen – dass sich Figuren und Gesellschaften verändern, wenn etwas geschieht – eröffnete ihm eine neue Perspektive. Nicht als Einschränkung, sondern als Vertiefung.
Denn gute Fantasy entsteht nicht aus Formeln. Sie entsteht aus Bedeutung. Und Bedeutung wächst, wenn das, was geschieht, auch spürbare Folgen hat. Genau hier treffen sich emotionale Intuition und systemisches Denken – nicht als Gegensätze, sondern als zwei Wege, dieselbe Tiefe zu erreichen.
Low Fantasy, High Fantasy, Jugendfantasy – Warum niemand weiß, wo er eigentlich schreibt
Autoren im Gespräch: An diesem Punkt unseres Gesprächs wurde etwas sichtbar, das viele Autoren kennen, aber selten offen aussprechen: Subgenres klingen klar, bis man versucht, sie wirklich sauber anzuwenden.
Tom beschreibt, wie er die Begriffe lange verstanden hatte. Low Fantasy war für ihn etwas wie Game of Thrones: eine eigenständige Fantasiewelt, aber mit vergleichsweise wenig Magie, dafür viel Politik, Härte und ein „brutales Mittelalterdrama“, wie er es nennt. High Fantasy verband er eher mit Tolkien – einer Welt voller Völker, Wesen, Magie und einer eigenständigen Mythologie, die nicht nur Kulisse ist, sondern kosmische Ordnung. Und Harry Potter? Für Tom zunächst High Fantasy: viele magische Kreaturen, ein ganzes System, das sich über die reale Welt legt.
Dann las er unsere Genre-Kategorien im Magazin – und plötzlich geriet das scheinbar Selbstverständliche ins Wanken. Denn wenn High Fantasy bei uns nicht nur eine Frage von „viel Magie“ ist, sondern vor allem von Weltlogik und Realitätsbezug, wird Harry Potter komplizierter: Die Geschichte spielt in London, im Alltag, im Bekannten – und die magische Welt ist darin verborgen, eingewoben, verschachtelt. Für Tom war das ein Aha-Moment. Nicht, weil eine Einordnung „richtiger“ wäre als die andere, sondern weil sich zeigte, wie abhängig Genrebegriffe von Perspektive sind.
Und genau hier wurde es persönlich: Tom hatte seine eigenen Bücher zunächst als Jugendfantasy mit Low-Fantasy-Anteil empfunden, weil es keine Überfrachtung an Wesen und Zauberei gibt. Doch je länger er darüber nachdachte, desto stärker verschob sich seine Wahrnehmung: Seine Welt hat keinen realen Ankerpunkt, keine „unserer“ Erde, keinen London-Hinterhof als Eintrittstor. Nur die Psychologie der Figuren ist real. Und genau deshalb kam er zu dem Satz, der das ganze Thema trifft:
„Nach deiner Definition ist es vielleicht doch High Fantasy.“
Das ist kein Scheitern an Begriffen. Es ist das Gegenteil: ein Zeichen dafür, dass Subgenres Werkzeuge sind – und dass gute Fantasy sich oft nicht brav in Schubladen legt. Selbst der Autor weiß nicht immer genau, wo sein Werk am Ende landet. Und das ist normal.
Jugendfantasy, Coming of Age und das falsche Bild vom Markt – Autoren im Gespräch
Diese Unsicherheit wird noch deutlicher, sobald man das Wort „Jugendfantasy“ in den Mund nimmt. Tom merkte im Laufe des Gesprächs, dass er mit dem Begriff inzwischen etwas anderes verbindet als früher – und dass genau darin ein Problem liegt.
Denn in seinem Kopf hat „Jugendfantasy“ lange eine klare Form: Abenteuer, Heldenreise, Coming of Age. Ein junger Mensch wächst an Prüfungen, wird mit der Welt konfrontiert, lernt Verantwortung, verliert Illusionen, findet Haltung. Das ist die klassische literarische Bewegung, die viele von uns geprägt hat – unabhängig davon, ob wir sie mit 15 oder mit 35 lesen.
Heute jedoch wird „Jugendfantasy“ im Markt oft anders gelesen. Tom formuliert das vorsichtig, aber eindeutig: Er denkt dabei schnell an romantische Trends, an „Romantic“-Erwartungen, an Geschichten, die stärker über Beziehungen laufen – und häufig auch über Erotik. Und genau da spürt er Widerstand. Nicht aus Abwertung, sondern aus Passungsgefühl: Seine Bücher sind für ihn keine Romance-Fantasy, sondern eher ein klassischer Abenteuerroman mit Fantasy-Elementen. Heldenreise, Entwicklung, Bewährung.
Er beschreibt es fast liebevoll als „altmodisch“ – und meint damit: zeitlos. Er denkt an die Tradition großer Abenteuerliteratur, an die Struktur von Romanen, die Jugendliche ebenso wie Erwachsene lesen können. Eine Geschichte, die nicht versucht, „cool“ zu sein, sondern echt. Deshalb sagt er auch, dass er seine Bücher wahrscheinlich gar nicht als Jugendfantasy vermarkten wird – nicht weil junge Leser ausgeschlossen wären, sondern weil das Label heute Erwartungen weckt, die seinem Stoff nicht entsprechen.
Und hier liegt eine wichtige Einordnung: Jugendfantasy war früher sehr oft Heldenreise. Heute ist Jugendfantasy im Markt häufig Beziehungsdrama. Das ist keine Wertung. Es ist eine Beobachtung. Und genau deshalb ist die Frage der Begriffe nicht akademisch, sondern praktisch: Sie entscheidet darüber, welche Leser überhaupt glauben, dass ein Buch für sie geschrieben wurde.
Gut und Böse, Ego und heiliger Geist – Die spirituelle Tiefenstruktur – Autoren im Gespräch
Während Subgenres sich an der Oberfläche reiben, liegt unter Toms Welten eine Struktur, die wesentlich tiefer reicht – und die, unabhängig von Begriffen, sofort spürbar wird: Polarität.
Yin und Yang selbst, sagt Tom, sei nicht sein Leitmotiv. Er kennt es aus dem Taoismus, aber es steht nicht im Zentrum seiner Geschichten. Was bei ihm zentral ist, ist die Bewegung, die dahinterliegt: Gut und Böse, Angst und Frieden, Ego und etwas, das darüber hinausweist. Eine innere Spannung, die nicht nur zwischen Figuren existiert, sondern in jeder einzelnen Person.
Tom erzählt von einer Rückblende in eine weit entfernte Vergangenheit, in der zwei Urvölker stehen: Eluin und Narazin. Die einen verkörpern das Edle, das Miteinander, das Für-andere-Dasein. Die anderen stehen für Egoismus, Ausnutzen, ein Prinzip der kalten Selbstbehauptung. Doch entscheidend ist, was Tom daraus macht: Diese Polarität bleibt nicht Mythologie. Sie wird Psychologie. Denn sie spiegelt sich in allen Figuren – mit unterschiedlicher Gewichtung, aber als Grundspannung.
Infobox: Das vergessene Lied
Genre: Realitäts Roman | Familiendrama | Spirituelle inspiration
Umfang: Trilogie
Status: Weiterhin erhältlich
Worum es geht:
Eine vielschichtige Fiktive Welt mit starkem Fokus auf Beziehungen, innere Konflikte und spirituelle Themen – wenn auch kein Fantasy dennoch durch Spirituelle themen inspirerend für leser und Autoren.
Warum erwähnenswert:
- Die Romanreihe wird weiterhin aktiv gepflegt und vermarktet
- Zahlreiches positives Leserfeedback bestätigt die emotionale Wirkung
- Kein aufgegebenes Projekt, sondern ein Werk mit langfristiger Perspektive
„Im Endeffekt ist die zugrunde liegende Philosophie diese Polarität“, sagt er. Und dann kommt er zu dem Kern, der seine Spiritualität prägt: das Konzept von Ego und „heiligem Geist“, Frieden und Angst. Tom hat sich über Jahre mit verschiedenen Wegen beschäftigt – Buddhismus, Advaita, Taoismus – und ist seit über einem Jahrzehnt besonders stark bei Ein Kurs in Wundern gelandet. Er beschreibt es nicht als Dogma, sondern als Erfahrungsrahmen. Für ihn ist es ein Werk, das psychologische Mechanismen wie Projektion und Verdrängung ernst nimmt und sie mit einer radikalen metaphysischen Deutung verbindet. Nicht als „Wissen“, sondern als etwas, das sich in der eigenen Praxis bewähren muss.
Und genau hier zeigt sich die Parallele zur Mythologie – und zur Fantasy selbst: Ob ein Autor aus Religion kommt, aus Spiritualität, aus Philosophie oder aus reiner Intuition, er landet oft an derselben Stelle. Geschichten kreisen um den inneren Konflikt, den jeder Mensch kennt: Welche Seite nähre ich? Angst oder Hoffnung? Egoismus oder Verbundenheit? Macht oder Verantwortung?
Die Begriffe wechseln. Die Grundstruktur bleibt. Und vielleicht ist genau das ein Grund, warum Fantasy so stark wirkt: Weil sie in Bildern erzählt, was Menschen innerlich längst wissen – auch wenn sie es im Alltag selten so klar erkennen.
Die Angst vor der Veröffentlichung – und warum sie so normal ist
Wenn Tom über das Schreiben spricht, klingt er ruhig. Wenn er über das Veröffentlichen spricht, verändert sich der Ton. Dann wird aus Neugier Zurückhaltung – und aus Hoffnung Vorsicht.
Sechsunddreißig Bewerbungen hat er verschickt. Drei Absagen kamen zurück. Vom Rest: Funkstille. Eine Erfahrung, die viele Autoren kennen, aber selten laut aussprechen. Dazu kommt die Erinnerung an ein früheres Projekt: Gemeinsam mit seiner Freundin veröffentlichte er einen dreibändigen Roman in einer fiktiven Welt, Das vergessene Lied. Familiendrama, spirituelle Tiefe – und danach die harte Realität des Selfpublishings. Werbung schalten, Zielgruppen finden, Geld ausgeben, Fehler machen. Videokurse, Strategien, Hoffnung – und am Ende oft das Gefühl, dass vieles einfach im Sand verläuft.
Und doch: Tom und seine Freundin haben nicht aufgehört. Sie arbeiten weiter an ihren Stoffen, an ihrer Welt, an der Veröffentlichung. Nicht, weil der Weg leichter geworden wäre – sondern weil sie sich entschieden haben, der Angst nicht das letzte Wort zu überlassen. Sie stellen sich der Herausforderung, mitsamt all den Unsicherheiten, die diese Thematik unweigerlich mit sich bringt.
Diese Angst ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist die logische Reaktion auf einen Markt, der überfüllt ist und kaum Rückmeldung gibt. Der selten klar „Nein“ sagt, sondern meist einfach schweigt. Autoren scheitern hier nicht an ihrem Talent, sondern an der Unsichtbarkeit. Daran, dass gute Geschichten ohne Reichweite oft niemanden erreichen. In einer Zeit, in der Veröffentlichen technisch leicht geworden ist, ist Sichtbarkeit zur eigentlichen Hürde geworden. Veröffentlichen kann heute fast jeder – die richtigen Menschen mit dem eigenen Werk zu erreichen, ist die wahre Herausforderung. Und genau sie ist es, die Angst macht.
Wer diese Erfahrung gemacht hat, für den ist das nächste Buch nicht nur ein kreativer, sondern auch ein emotionaler Schritt. Umso größer ist der Respekt vor jedem Autor, vor jedem Menschen, der diesen Weg trotzdem weitergeht. Der sagt: Ich stelle mich dieser Hürde. Nicht blind, nicht naiv – sondern bewusst. Denn genau darin liegt eine Form von Mut, über die selten gesprochen wird.
Offener Appell: Fantasy ist größer als der Markt – Autoren im Gespräch
Und genau hier setzt unser Magazin an. Nicht als Instanz, die entscheidet, was „richtig“ oder „wertvoll“ ist – sondern als Ort, an dem sichtbar wird, was existiert. Fantasy ist größer als Bestsellerlisten, größer als Algorithmen, größer als kurzfristige Trends. Sie lebt von Menschen, die Welten erschaffen, aus völlig unterschiedlichen Quellen heraus: aus Spiritualität, aus Psychologie, aus Systemdenken, aus Emotion.
Wir verstehen uns nicht als Gatekeeper, sondern als Plattform. Als ein Raum, in dem Autoren, Leser und Denker sich begegnen können. Wer schreibt, wer sich mit Fantasy ernsthaft auseinandersetzt, wer etwas beitragen will, das über bloßen Konsum hinausgeht, ist Teil dieser Bewegung – unabhängig von Verlag, Budget oder Marketingkraft. Geschichten brauchen Öffentlichkeit, um atmen zu können. Und genau diese Öffentlichkeit wollen wir gemeinsam schaffen.

Zwei Wege, eine Wahrheit
Tom Horn schreibt aus der Intuition, aus Spiritualität, aus innerer Bewegung. Ich denke aus Systemen, aus Kausalität, aus Strukturen. Zwei völlig unterschiedliche Zugänge – und doch führen sie in dieselbe Richtung. Beide suchen Orientierung. Beide suchen Bedeutung. Beide versuchen, in Geschichten etwas wahrhaftig Menschliches sichtbar zu machen.
Vielleicht ist das die eigentliche Kraft der Fantasy: dass sie diese Wege miteinander verbindet. Dass sie Raum schafft für Gefühl und für Denken, für Mythos und für Analyse. Sie ist kein Eskapismus. Sie ist eine andere Art, die Wahrheit zu berühren – in Bildern, in Welten, in Figuren, die uns mehr über uns selbst erzählen, als es jede nüchterne Theorie je könnte.
Fantasy wirkt – Analysen und Werke, die zum Nachdenken anregen
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