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Dunkle Fantasy Kurzgeschichte – Fluch, Magie & Schuld

    Dunkle Fantasy Kurzgeschichte – Fluch, Magie & Schuld

    The Thornblood Legacy

    Im Schatten des Blutes

    Dunkle Fantasy Kurzgeschichte

    Im Schatten stehen Dornen still,
    sie nähren, was ich fühlen will.
    Sie brennen tief in meiner Seele,
    verlöschen nicht, egal wie sehr ich zähle.

    Kein Wasser nimmt der Glut ihr Sein,
    keine Welle löscht das Feuer ein.
    Und wenn die Dunkelheit mich findet,
    weiß sie, wer hier wirklich bindet.

    Ich warte nicht. Ich gehe nicht.
    Ich bleibe dort, wo Blut verspricht.
    Kommt sie zu mir? Bin ich bereit.
    Die Dunkelheit vergisst mich nicht, sie bleibt.

    Anastasia Woronzova


    Es war der Morgen. Der Tag kurz bevor Rosalia kommen würde. Damals war mir das nicht bewusst, obwohl ich es spürte. Der dunkle Morgenmantel glitt über meine Schultern und schenkte mir für einen flüchtigen Moment den lächerlichen Gedanken, Stoff könne irgendetwas abfangen, das längst nicht mehr am Körper hing. Der tief gefärbte, dunkelblaue Samt, der im gedämpften Licht meiner Kammer fast schwarz wirkte, schmiegte sich an mich wie eine zweite Haut. Er wärmte nicht, sondern erinnerte mahnend. Er trug eine schwere Last mit mir zusammen. Jedes Jahr meines zu langen Lebens, jede Entscheidung, die ich nicht zurückgenommen hatte, schien sich darin festgesetzt zu haben, als hätte die Zeit selbst Fäden gesponnen und sie in die Fasern eingenäht. Anstelle von Schmuck trug ich Entscheidungen, Flüche und Beschwörungen wie unsichtbare Ketten, die niemand erblickte, weil ich sie hinter einem geraden Rücken und einem zu ruhigen Blick verbarg, bis ich selbst nicht mehr unterscheiden konnte, ob ich sie noch versteckte oder ob sie längst Teil von mir geworden waren. Nur der Morgenmantel verhielt sich ehrlich, denn er tat nicht so, als wäre in diesem Gewicht auch nur irgendetwas leicht.


    Die blasse, graue Morgendämmerung kroch durch die schmalen Fenster meines Turms, löste die Welt draußen im Nebel auf und schien sich beinahe zu schämen, klar zu werden. Früher hatte ich diese Stunde geliebt, nicht aus Romantik, wie es die Höflinge mir schmeichelnd weismachen wollten, sondern weil der Morgen nach Möglichkeiten roch. Nach dem kindischen Versprechen, dass man, wenn man nur früh genug aufsteht, ein anderer Mensch sein könnte. Doch jetzt war mein Interesse längst vergangen, und jeder Morgen schien für mich gleich zu sein. Die Zeit verging unerbittlich und gleichgültig.

    Der Tod rief mich nicht. Er musste es nicht. Er war kein dramatischer Besucher, der Türen aufstößt. Es gab keine Kapuze im Kerzenlicht und keinen künstlerischen Moment, wie es Geschichten gern erzählen, wenn man das Grauen hübsch machen will. Ich spürte ihn vielmehr wie einen kalten Luftzug im Nacken, der nicht vom offenen Fenster herrührte und dennoch blieb, geduldig und beharrlich, als wäre er schon immer dort gewesen und hätte nur darauf gewartet, dass ich aufhöre, mich für unsterblich zu halten.

    Obschon mich die Magie lange vor ihm bewahrt und meinen Körper jung gehalten hatte, während Generationen um mich herum geboren wurden, alterten und starben, war ich nicht dankbar. Vielleicht hätte ich es sein sollen. Doch Dankbarkeit ist etwas, das man sich nur leisten kann, wenn man nicht an jeder Ecke Konsequenzen wie Splitter aufliest. Weglaufen war längst keine Option mehr, besonders nicht nach allem, was ich getan hatte. Irgendwann wird die Summe der eigenen Entscheidungen zu einem Gefängnis, das nicht aus Stein und Eisen besteht, sondern aus Tatsachen, und diesen Punkt hatte ich überschritten, ohne es rechtzeitig zu bemerken. Womöglich hatte ich ihn bemerkt und nur so getan, als sei ich noch frei, was typisch für mich gewesen wäre.

    Der Tisch aus massiver Eiche stand dort, wo er immer gestanden hatte, seit ich diesen Turm zu meinem Rückzugsort gemacht hatte. Seine Oberfläche war von ineinander verschlungenen, orientalischen Mustern bedeckt, die vor Jahrhunderten von geduldigen Händen in das Holz geschnitzt worden waren. Ich mochte den Tisch, weil er nie vorgab, etwas anderes zu sein als alt und standhaft. Einst hatte ich ihn von einem Händler erworben, der nicht wusste, was er verkaufte, und obwohl ich ihn dafür hätte auslachen können, tat ich es nicht, denn sein Verlust war mein Gewinn. Meine Hand schwebte über dem Holz, ohne es zu berühren. Heute wollte ich die Kälte, die darin wohnte und nicht vom Wetter stammte, nicht spüren.

    Auf dem Tisch lag das Buch.
    Satania.


    Es wirkte unscheinbar und beinahe enttäuschend für jene, die Macht an Größe oder Prunk messen, als müsse das Böse goldene Kanten tragen, um ernst genommen zu werden. Vergilbtes Pergament, dunkles Leder, an den Ecken abgewetzt, ohne Schmuck und ohne Zierde, als habe es nie Anspruch darauf erhoben, gesehen zu werden. Es hätte das Tagebuch eines vergessenen Gelehrten sein können, eines Mannes, der zu viele Nächte über Kerzen verbracht und zu wenig über Menschen nachgedacht hatte. Doch ich wusste es besser. Dieses Buch rief weder mit Stimmen noch mit Worten. Es war kein dramatischer Gegenstand, der sich selbst wichtig nahm, und genau darin lag seine Perfektion. Es rief mit einem Ziehen, das tief in mir begann, dort, wo sich Verlangen und Macht zu einem unauflösbaren Knoten verbanden. Dieser Sog ließ mich nie los, egal wie oft ich versuchte, das Buch wegzulegen, es zu verbergen oder in Truhen zu sperren, als könnte Holz halten, was nicht aus Holz bestand. Alle Versuche blieben vergeblich. Meine Finger fanden immer wieder zu seinen Seiten, und meine Lippen formten die Worte, als wäre Sprache selbst zu einem Reflex geworden, zu einem Muskelgedächtnis der Schuld.

    Es war dieses Buch, das mir Macht verliehen hatte. Nicht die sanften Künste meiner Jugend, nicht Kräuter, Schutzzeichen oder Mondgebete, sondern etwas anderes, Tieferes. Beschwörungen, die sich in das Gefüge der Welt gruben. Flüche, die Schicksale banden. Rituale, die Türen öffneten, die niemals hätten geöffnet werden sollen. Ich hatte früh verstanden, dass nichts davon umsonst war, da die Magie immer ihren Tribut forderte und ihren eigenen Weg wählte.

    Mit jeder Beschwörung floss etwas von mir fort, unsichtbar, aber spürbar, als würde meine Substanz Schicht um Schicht abgetragen. Der Preis war nie derselbe, weil er nicht fair sein musste. Zwar konnte ich lange leben, länger als gewöhnliche Menschen, Falten glätten, Knochen stärken oder die Zeit täuschen, als wäre sie ein Besucher, den man mit einem höflichen Lächeln nach draußen bittet. Doch nicht ewig.

    Ausgerechnet heute war das Ziehen anders. Nicht stärker oder lauter, sondern ungeduldiger. Ich hatte das Gefühl, als würde Satania nicht mehr an mir ziehen, um mich zu führen, sondern um mich daran zu erinnern, dass selbst ein Buch Grenzen hat und dass das, was einmal gebunden wurde, irgendwann seinen eigenen Weg geht.


    Ich dachte viel zu oft an König Ardan von Aurelis, nicht weil ich mir noch Illusionen erlaubte, sondern weil manche Namen sich nicht aus dem Inneren lösen lassen, selbst wenn der Mensch längst tot wäre und die Welt weitergezogen ist. Als seine Cousine, ein vertrautes Gesicht am Hof und eine Frau, die zu viel fühlte und zu viel wusste, hatte ich mir einst eingeredet, dass das reichen müsste. Nähe, Blut und Zeit, all jene Dinge, die man im Palast gern verwechselt, wenn man nicht zugeben will, dass Liebe ein eigenes Gesetz besitzt.

    Ardan hatte sich für Lorea entschieden. Für Ordnung, Pflicht und eine Liebe, die ihn nicht verbrannte, und ich zweifelte daran, ob er sie je wirklich geliebt hatte. Sie war kühl, distanziert und sagte immer das Richtige. Nicht so wie ich. Ich war eher die, die ihre Emotionen nicht unter Kontrolle hatte. Er kämpfte gegen meine Leidenschaft, aber ich wusste es besser. Meine Leidenschaft war es, dass Magie in meinem Inneren etwas weckte. Ich hatte geglaubt, dass diese Magie alles ändern könnte, was das Herz verweigerte, nicht um ihn zu zwingen, was zu plump gewesen wäre, sondern um das Schicksal zu „korrigieren“, wie ich es damals nannte.

    Ich hatte mich geirrt. Der Fluch, den ich sprach, war nicht leichtfertig gewesen. Wochenlang hatte ich vorbereitet, gesammelt und gewartet, als könnte Geduld die Moral ersetzen. Haare, Blut, Erde, Wasser und Worte, die nur bei Neumond gesprochen werden durften, fügte ich zusammen, überzeugt davon, dass Sorgfalt etwas rechtfertigt, was eigentlich nie hätte geschehen dürfen.

    Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Silben auf meiner Zunge lagen, als wären sie zu scharf für einen menschlichen Mund. Ebenso deutlich erinnere ich mich daran, wie ich damals dachte, dass der Schmerz, den ich verursachen würde, gerecht sei. Ich wollte, dass Lorea stirbt. Nicht zu schnell, denn mein tiefster Wunsch war, dass Ardan leiden sollte. So wie ich gelitten habe, und ich schämte mich nicht einmal dafür. Ich war überzeugt, dass Gefühl eine Art Recht darstellt. Sie starb nicht. Der Fluch hatte sich einen anderen Weg gesucht, was ich nicht sofort begriff, da ich, wie viele Menschen, die zu lange mit Magie arbeiten, irgendwann glaubte, die Welt müsse gehorchen. Doch Magie gehorcht nicht. Sie folgt, sie wählt und sie nimmt, was passt, weshalb sie sich an das Ungeformte band, an Rosalia.

    Ich habe mich damals nicht hingesetzt und beschlossen, ein Kind zu verfluchen. Ich war nicht so offen grausam, wie man es gern erzählt, wenn man eine Hexe braucht, die man hassen darf. Stattdessen war ich blind, auf eine Weise, die weit gefährlicher ist, weil sie sich selbst für Liebe hält. Ich wusste, dass der Fluch abgleiten konnte. Ich wusste, dass Magie ihren eigenen Weg sucht. Und ich sprach ihn trotzdem.

    Natürlich überlebte Rosalia, da der Tod zu sauber und zu gnädig gewesen wäre. Der Fluch setzte sich leise und geduldig fest, wuchs mit ihr und mischte sich in ihr Blut, als wäre er schon immer dort gewesen. Ich spürte es lange, bevor die Hofleute es bemerkten, die Dinge erst erkennen, wenn man sie ihnen auf ein Tablett legt. Ich tat nichts, getrieben von Stolz, Trotz und der bitteren Überzeugung, dass Gerechtigkeit manchmal einen anderen Preis fordert, der selten bei denen landet, die ihn verdienen. Ich nannte mich nicht Hexe, sondern eine Frau, die nicht verlieren wollte, was im Nachhinein betrachtet die ehrlichste Form von Selbstbetrug war.


    Und dann war da mein Sohn, Aresh. Das Einzige, was ich je aus Unachtsamkeit und tiefer Einsamkeit hervorgebracht hatte. Ein ungeplantes Kind, das ich trotzdem liebte. So roh und unpassend, dass es mich selbst erschreckte. Sein Vater war ein Schmuggler, ein Mann ohne Zukunft, doch er war der einzige, dem ich mein Kind anvertrauen konnte, als die Angst der Menschen begann, sich gegen mich zu wenden. Es ist eine Sache, als Hexe gefürchtet zu werden, doch eine völlig andere, wenn man erkennt, dass die Furcht nicht nur einem selbst gilt, sondern auch dem, was man liebt. Ich ließ Aresh gehen, damit er leben konnte. Ohne mich, die Liebe seiner Mutter. Glaubt mir, es war mir nicht egal. Doch ich tat es aus Schutzwillen. Er wurde geboren, als Rosalia durch den Fluch tief schlief. Doch mein Plan verlief wieder anders, als ich geplant hatte.

    Seit Tagen, vielleicht schon seit Wochen, hatte sich die Luft in meinem Turm verändert. Nicht auf dramatische Weise oder so, dass es jemandem aufgefallen wäre, der nur eine Nase und zwei Augen besaß, sondern auf jene stille Art, mit der Magie ankündigt, dass sie sich neu ordnet. Kerzen brannten schneller nieder, Schatten lagen falsch, und die Stille wirkte nicht mehr leer, sondern gespannt, als hielte der Raum selbst den Atem an, um nichts zu verpassen. Während Satania auf dem Tisch lag, als wäre es schwerer geworden, redete ich mir ein, ein Buch könne nicht schwerer werden, da es aus Leder und Papier bestand und kein Herz besaß. Doch das Ziehen in mir widersprach, und ich hatte längst gelernt, der Magie mehr zu glauben als meinem Stolz. An diesem Morgen war das Ziehen nicht nur präsent, sondern es war gerichtet, wie ein Fingerzeig, wie eine Erinnerung und wie eine Ankunft, die längst beschlossen war, bevor man den Schritt hört.


    Ich ging zum Fenster und sah hinaus, nicht weil ich glaubte, etwas erkennen zu können, sondern weil Menschen manchmal so tun, als ließe sich durch Schauen Kontrolle gewinnen. Vor mir lagen nur Nebel, Wald und eine Welt, die sich weigerte, klar zu werden. Dennoch hörte ich darunter, unter all dem Wasser in der Luft, einen Puls, den nur ich wahrnehmen konnte, weil ich ihn einst selbst gesetzt hatte.

    Magie vergisst nicht. Sie vergibt nicht. Sie rechnet nur ab.

    Ich hätte mich in diesem Moment auf das Bett setzen können, wie eine alte Frau, die endlich einsieht, dass sie alt ist. Ich hätte weinen können, wenn ich noch gewusst hätte, wie sich Weinen anfühlt, ohne dabei zugleich wütend zu werden. Oder ich hätte beten können, obwohl ich nie sicher war, wem man in einer Welt betet, in der Bücher mehr Einfluss besitzen als Götter. Doch ich tat nichts davon. Stattdessen ging ich zurück zum Tisch, legte die Hand auf das Holz, spürte die Kälte und erlaubte mir den bitteren Gedanken, dass es unerquicklich konsequent war, ausgerechnet jetzt Angst zu empfinden, nachdem ich ein Leben lang so getan hatte, als sei Angst etwas für andere.

    Tod geduldig wie immer hinter mir stand, war er nicht der Grund, weshalb mir der Nacken kalt wurde, nicht an diesem Tag. Heute war es etwas anderes. Etwas, das ich selbst geschaffen hatte, ohne zu begreifen, was Schaffen bedeutet, wenn man nicht mehr zurückkann. Ich strich mit den Fingerspitzen über den Einband von Satania, woraufhin das Ziehen in mir still wurde, als hätte es nur darauf gewartet, anerkannt zu werden. Denn Magie ist manchmal wie ein Tier, das nicht niedlich ist, sondern Gehorsam fordert und unruhig wird, wenn man so tut, als existiere es nicht.

    „Also gut“, sagte ich leise. Es war kein Zauberwort, sondern ein Eingeständnis.

    Während draußen der Nebel verharrte und im Turm die Stille blieb, legte sich in meinem Inneren, dort, wo sich Macht und Schuld seit Jahrzehnten ineinander verkeilt hatten, etwas zurecht, als nähme es seinen letzten Platz ein.


    Ich dachte an Aresh, so wie man an eine Wunde denkt, die nie heilt, weil sie nicht heilen darf, wenn man noch spüren will, dass man einmal Mensch war. Ich dachte an Ardan, wie man an eine Lüge denkt, die man sich zu lange erzählt hat. Und ich dachte an Lorea, nicht mehr mit Hass, sondern mit jener seltsamen, späten Klarheit, die sich einstellt, wenn man begreift, dass nicht der Hass das Problem war, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der man ihn als Recht behandelte.

    Dann dachte ich an Rosalia. In diesem Namen lag plötzlich alles, was ich mir so lange zurechtgebogen hatte. Strafe. Konsequenz. Spiegel. Ernte. Es war erstaunlich, wie sauber ein Name sein kann, wenn man aufhört, ihn zu umkreisen.

    Ich richtete mich auf und zog den Morgenmantel fester um mich, nicht weil mir kalt war, sondern weil man manchmal etwas festhalten muss, um nicht zuzugeben, dass man innerlich bereits loslässt. Meine Hand blieb auf dem Buch, und ich spürte, wie ruhig es war, als wäre es zufrieden, nicht weil das Kommende gut war, sondern weil es vollständig war.

    „Rosalia“, sagte ich noch einmal. Diesmal klang es nicht wie eine Erinnerung, sondern wie eine Tür, die man öffnet, obwohl man weiß, was dahintersteht.

    Ich werde weder fliehen noch bitten, noch so tun, als hätte ich es nicht gewusst. Ich werde warten, nicht in Hoffnung oder Reue, sondern in jener bitteren Klarheit, die bleibt, wenn man akzeptiert, dass manche Geschichten nicht enden, sondern zurückkehren, um ihren Ursprung zu finden.

    Und wenn Rosalia vor mir steht, wird sie entscheiden, was aus mir bleibt.


    Vielleicht war die Kälte, die ich spürte, bloße Einbildung oder Gewohnheit. Doch sie kam nicht von oben aus der Luft, sondern kroch vom Boden herauf, schleichend, als würde der Raum selbst seine Temperatur verlieren. Sie legte sich um meine Füße, tastete sich langsam an meinen Beinen empor, und noch bevor ich mich umdrehte, wusste ich, dass ich nicht allein war.

    „Nicht schon wieder“, flüsterte ich so leise, dass selbst die Mauern meines Turms es kaum hörten.

    Als ich mich rasch umwandte, stand er dort, wo zuvor nur Schatten gewesen waren. Er lächelte nicht offen und nicht freundlich, sondern auf diese selbstzufriedene Weise, wie eine Katze lächelt, die sich gerade etwas genommen hat, von dem sie wusste, dass es ihr nicht gehörte.

    „Elenia.“

    Seine Stimme war kalt, nicht laut oder drohend, sondern glatt und präzise, als hätte sie nie gelernt, zu wärmen. Dieser Mann, dieses Wesen – selbst nach all den Jahren war ich mir nicht sicher, was er wirklich war.

    „Vincent de Mon—“, begann ich.

    Doch er hob die Hand. „Du kannst mich einfach Vincent nennen.“ Mit einem kaum merklichen Neigen seines Kopfes fügte er hinzu: „Wir stehen uns schließlich sehr nahe.“


    Ich schwieg. Das Buch auf dem Tisch schien schwerer geworden zu sein, als hätte es auf ihn reagiert oder er auf das Buch, doch das spielte keine Rolle mehr: Die Verbindung war alt, tief und unausweichlich. Hätte ich damals gewusst, was ich wirklich gerufen hatte, hätte ich vielleicht gezögert – vielleicht aber auch nicht. Er war ein Dämon oder etwas, das älter war als dieses Wort, der Satania geschrieben hatte, nicht als Warnung, nicht als Versuchung, sondern als Gefäß.

    Er trat näher, so nah, dass ich seinen Atem an meinem Hals spürte, obwohl ich wusste, dass er keinen brauchte. „Du weißt, dass du sterben wirst“, sagte er ruhig; keine Drohung, keine Genugtuung, nur eine Feststellung.

    Ich antwortete nicht, während sein Blick an mir vorbeiglitt, hin zum Buch und dann zurück, wobei ein flüchtiger Ausdruck über sein Gesicht huschte, den man beinahe für Interesse hätte halten können. „Sie kommt“, fügte er als leisen Nachsatz hinzu, der wie ein Messer zwischen den Rippen saß.

    Obwohl mein Körper müde war und ich wusste, dass Widerstand hier nichts bedeutete, richtete ich mich auf. „Dann ist es Zeit“, sagte ich schließlich.

    Vincent lächelte erneut, dieses Mal langsamer. „Das war es schon lange.“

    Und für einen einzigen Augenblick fragte ich mich, ob er hier stand, um zuzusehen – oder um sicherzugehen, dass niemand entkam.

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